Grenzattraktionen
Landgraben & Adlersteine
Grenze im Versteck
Landgraben: Buchenhecken und Gräben dienten seit dem späten Mittelalter als Grenzbefestigungen und der forstpolizeilichen Überwachung. Der Landgraben (auch: Aachener Landwehr) stellte die Außengrenze des Aachener Reiches dar, das sich zwischen dem 12. und dem 14. Jahrhundert in Nachfolge des alten Aachener Königshofes bildete. Er bestand aus einem Wall mit beidseitigem Graben, die Wallkrone war mit einer dichten Buchenhecke bepflanzt. Die Durchlässe durch die Landwehr wurden nachts mit Balken bzw. Schranken, den so genannten Grindeln, abgesperrt.
Der Stadtwald im Süden des Aachener Reiches war zusätzlich durch den Inneren Landgraben eingehegt, auch hier zum Teil mit einer Hainbuchenhecke bepflanzt. Der Innere Landgraben und im Nordosten des Aachener Reiches auch der Äußere Landgraben dienten nicht zuletzt auch der forstpolizeilichen Überwachung. Fuhrwerke konnten nur an den Grindeln passieren, eine Erschwernis für Holzdiebe. Die Hecken der Landgräben wurden regelmäßig in Mannshöhe gekappt, trieben zu den Seiten aus und bildeten ein kräftiges, nahezu undurchdringliches Dickicht.
Im Aachener Wald ist der Wall des Äußeren Landgrabens weitgehend erhalten. Die Gräben dagegen sind häufig zugeschüttet oder zu Wegen verfüllt. Der Innere Landgraben ist in Abschnitten erhalten, jedoch ist der Baumbestand nur noch ganz vereinzelt erkennbar.
Adlersteine: Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurde der Grenzverlauf überarbeitet und mit Adlersteinen markiert – einige wenige der seinerzeit 138 Exemplare sind in der Landschaft noch vorhanden. Ihre Bezeichnung verdanken die Steine dem Aachener Wappentier: Der Adler wurde von verschiedenen Künstlern an Ort und Stelle in den Stein gemeißelt.
Harfenbuchen & Hexenbäume: Die ehemalige Buchenhecke ist durch regelmäßigen Beschnitt zu einer Reihe von miteinander verwachsenen Kopfbuchen ausgewachsen. Auch nach dem Ende des Aachener Reiches wurde die Hecke noch bis vor rund 100 Jahren von den Förstern erhalten, die hier Brennholz schnitten. Seither sind die Kopfbuchen ausgeschlagen und bilden teilweise skurril anmutende Wuchsformen. Oft nehmen sie die Form von Harfen an.
Aachener Reich: Das „Aachener Reich“ bezeichnet das Territorium der ehemaligen freien Reichsstadt Aachen. Das Gebiet umfasste den vor der Stadtmauer gelegenen Bereich des sogenannten Glockenklangs, die Quartiere Berg, Haaren, Orsbach, Soers, Vaals, Weiden, Würselen sowie die Aachener Heide, den Stadtwald und den Reichswald. Insgesamt war das Aachener Reich rund 9.000 Hektar groß, seine Grenze hatte eine Länge von etwa 70 Kilometern.
Das Aachener Reich bildete sich zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert in der Nachfolge des alten Aachener Königshofes. Aus dem Jahr 1336 stammt die älteste schriftliche Bestätigung des Königs (Ludwig IV.), in der die Herrschaft Aachens über die umliegenden Dörfer festgehalten ist.
Im Westen grenzte das Aachener Reich in seiner frühen Phase an das Herzogtum Limburg, im Nordwesten an die Österreichischen Niederlande, im Norden und Osten an das Herzogtum Jülich und im Süden an das Gebiet der Reichsabtei Burtscheid.
Im späteren Verlauf unterstand das Herzogtum Limburg für über zwei Jahrhunderte dem spanischen König. Die Grenzen des Gebietes waren mit so genannten Adlersteinen markiert, die das Aachener Stadtwappen trugen. Das Land wurde durch einen mit einer Buchenhecke bepflanzten Landgraben und eine Reihe von Wachtürmen („Türmchen“) gesichert.
Es gab ehemals 8 Wachtürme. Sie waren so positioniert, dass es möglich war, Nachrichten per Rauch- oder Lichtsignal an den „Langen Turm“ in der Innenstadt zu senden. Heute noch erhalten sind die Türme Alt-Linzenshäuschen, Beeck, Haus Hirsch, Adamshäuschen sowie die Burg Orsbach, die vermutlich auch als Wachturm diente. In den Türmen wohnten die Förster, die für das jeweilige Gebiet (Waldungen und Landwehr) zuständig waren. Sie hatten außerdem jede verdächtige Bewegung von Kriegsvolk und Fremden zu melden. Ab Anfang des 16. Jh. wurden auf diese Art Wächter- und Forstamt vereint.
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Königswald & Burgundersteine
Wer ist der Herr im Wald?
Im Mittelalter und bis weit in die Neuzeit hinein boten Wälder mit ihren Vorräten an Brennholz und Nahrungsmitteln (Früchte, Beeren) wertvolle Ressourcen für den Lebensalltag – und entsprechend intensiv war die Nutzung. Im Südwesten Aachens waren die Rechte am Wald lange umstritten: Aachen, Gemmenich, Montzen, Moresnet und Kelmis erhoben hier Ansprüche.
Im Jahr 1611 schlossen die Reichsstadt Aachen und die Brüsseler Regierung einen Vertrag über die bis dahin gemeinsam genutzten Waldgebiete. Um den Streit zu beenden, wurde das fragliche Areal unter die direkte Obhut der Herzöge von Burgund gestellt, der so genannte Königswald entstand. Er wurde ab 1615 durch spezielle Grenzsteine, die Burgundersteine, gekennzeichnet. Diese grenzten also keine Länder oder Gemeinden voneinander ab, sondern stellen vielmehr eine Abgrenzung zwischen Gemeindewald und königlichem Wald dar.
Die 700 Morgen Wald (ca. 230 Hektar) nennt man auch heute noch Königswald. Abzeichen und Inschriften auf den Burgundersteinen, die in verschiedenen Versionen hergestellt wurden, waren immer dem Königswald zugewandt. Soweit die Steine ein Goldenes Vlies zeigen, stammen sie aus der Zeit der spanischen Regierung. Tragen sie das burgundische Andreaskreuz, wurden sie während der Zeit der österreichischen Herrschaft aufgestellt.
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Grenzübergang Köpfchen
Kulturzentrum statt Kontrollpunkt
Der ehemalige Grenzübergang Köpfchen entwickelt sich zu einem Ort für die künstlerische und historische Auseinandersetzung.
Die Situation „Grenze“ ist am ehemaligen deutsch-belgischen Übergang seit Jahrhunderten gegenwärtig: 1439 eroberte Philipp der Gute von Burgund einen Gebietsstreifen aus dem Aachener Besitz, zu dem auch die Gemarkung Köpfchen gehörte. Seitdem war der Ort eine Schnittstelle zwischen verschiedenen Sprachen und Kulturen.
Zum Ende der 1940er Jahre wurde der Grenzübergang „Köpfchen“ eröffnet. Es war eine Zeit, in der Schmuggel einen bedeutenden Anteil im Wirtschaftsleben der Grenzregion ausmachte – entsprechend streng wurden die Grenzen bewacht. Zu Beginn der 1950er Jahre machte der zunehmende Verkehr eine Verbreiterung der Straße notwendig. Gleichzeitig baute man auf belgischer Seite ein Grenzhäuschen in die Straßenmitte, vis à vis zum Zollhauptgebäude. Gegen Mitte der 1960er Jahre arbeiten alleine im belgischen Zollamt Köpfchen 24 Zollbeamte und zwei Gendarmen im Schichtdienst, sowie zahlreiche Zolldeklaranten in den umliegenden Speditionsbüros.
Bedeutender Grenzübergang
Bis zur Eröffnung des Autobahnzollamts Lichtenbusch in den 1960er Jahren war Köpfchen der wichtigste Straßenübergang zwischen Belgien und Deutschland – sowohl hinsichtlich des Personen- als auch des Güterverkehrs. 1980 entfernte man die Schranken am Übergang, 1995 trat das Schengener Abkommen in Kraft und die Grenzanlagen wurden außer Dienst gestellt. Es drohte der Verfall, immer wieder kam es zu Vandalismus.Beginnend mit dem Jahr 2000 ergab sich eine neue Perspektive für das Areal: Die Diplomarbeit einer Objekt-Designerin initiierte eine künstlerisch-gestalterische Auseinandersetzung mit dem Ort und seiner Architektur. Aus diesem Ansatz entstand der deutsch-belgische Kulturverein „Kunst und Kultur im Köpfchen“, kurz „KuKuK“.
Köpfchen als „Geschichtsfenster“
Das belgische Grenzhäuschen ging in den Besitz der Gemeinde Raeren über und wurde an den Verein verpachtet. Dieser hat das Ziel, den Grenzübergang als Raum für Kunst und Kultur und als „Geschichtsfenster“ zu erhalten. Mit zahlreichen fantasievollen Kulturaktionen und Ausstellungen, die auch überregionale Beachtung finden, hat KuKuK das belgische und das deutsche Grenzgebäude sowie die umliegenden Waldflächen zu einem Ort der lebendigen Auseinandersetzung mit dem Begriff „Grenze“ entwickelt.Um dem Verfall des Areals entgegenzuwirken, verständigten sich die Stadt Aachen, die Gemeinde Raeren und die EuRegionale 2008 Agentur auf die gestalterische Aufwertung des Standorts. 2008 erwarb der Deutsche Verein mit NRW Förderung den großen deutschen Ziegelsteinbau und baute ihn zum Kulturzentrum mit CaféBar um. Der Ort, dessen Bestimmung es war, Menschen voneinander zu trennen, ist heute ein Ort, an dem man sich gerne trifft und aufhält. Hier wird auf der ganzen Linie grenzüberschreitend gearbeitet: mit Künstlern und Ehrenamtlern, Sponsoren und Förderstellen.
Das Kulturzentrum KuKuK an der Grenze
Grenzübergang "Köpfchen" entdecken:
Neutral Moresnet & Grenzsteine
Ministaat vom Reißbrett
Kleines Land, aber die Lebensqualität stimmte: Nach den Niederlagen Napoleons 1813 und 1814 beschlossen die Alliierten eine Neuordnung Europas, die besonders die Zuteilung des nördlichen Teils des französischen Reiches an die Niederlande und Preußen vorsah. Bei der Festlegung der Grenzen zwischen diesen beiden Staaten wurden die damals für die Messingherstellung sehr bedeutenden Galmeivorkommen im Altenberg auf dem Gebiet von Kelmis (La Calamine) zu einem Streitfall, der für lange Jahre einer ungewöhnlichen Lösung zugeführt wurde: Man etablierte ein Territorium, dass einer gemeinsamen Verwaltung unterstand, also „neutralisiert“ wurde – daher die spätere Bezeichnung Neutral-Moresnet.
© Museum Vieille MontagneDas lediglich 350 Hektar große Gebiet reichte in einem fast tortenstückförmigen Grundriss vom heutigen Dreiländerpunkt bis zur Lütticher Straße. Die schnurgeraden Grenzlinien zeigten, dass man sich am Reißbrett arrangiert hatte, sowohl der westliche als auch der östliche Teil der Gemeinde Moresnet blieben von der Vereinbarung ausgespart.
Schnapsschmuggel: Im Jahre 1816 lebten hier lediglich 256 Einwohner, aber mit der Entwicklung der Zinkgrube (seit 1837: „Société des Mines et Fonderies de Zinc de la Vieille Montagne“) und des damit verbundenen ökonomischen Aufschwungs nahm diese Zahl rasch zu. 1830 wurden 500 Einwohner gezählt, 1858 waren es bereits 2.572. Den Einwohnern von Neutral-Moresnet war es erlaubt, Getränke zu brennen – wenn auch nur zum eigenen Verbrauch. Allerdings wurden so große Mengen produziert, dass sie selbst in den bis zu 70 Cafés und Lokalen des Gebietes nicht konsumiert werden konnten: Beträchtliche Mengen wurden über die Grenze, meist in die Niederlande, geschmuggelt.
Ein weiteres Kuriosum: Die Anhänger dieser internationalen Plansprache wollten zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus Neutral-Moresnet einen Esperanto-Staat machen. Bei einer Tagung des Esperanto-Weltbundes wurde Moresnet zum Hauptsitz der Bewegung ausgerufen. Einem Bericht der Aachener Post zufolge waren die Bewohner Neutral-Moresnets begeisterte Esperantisten: „Die Kurse zur Erlernung der Sprache waren überfüllt und überall hörte man nur noch Esperanto radebrechen; die 75 Gastwirte des Ortes taten ein Übriges und firmierten in der neuen Landessprache.“
Der Galmeibergbau in der Grube Altenberg endete 1895, zwei Jahre später reichten die Bewohner von Neutral-Moresnet eine Bittschrift ein, um im Falle des Endes der Unabhängigkeit an Belgien angeschlossen zu werden. Im Ersten Weltkrieg wurde das Gebiet wie Belgien von Deutschland besetzt und im Vertrag von Versailles 1919 in das belgische Königreich eingegliedert.
Grenzlinie und Grenzsteine von Neutral-Moresnet entdecken:
Bergbau, Blei & Zink
Plombières und Kelmis
Man kann es kaum glauben, aber die Euregio ist eine traditionelle Bergbauregion. Heute sind kaum noch Spuren der industriellen Vergangenheit sichtbar, doch an manchen Orten kann man sie noch finden. In den belgischen Gemeinden Kelmis und Plombières wurden vor allem Blei- und Zinkerze gefördert, während es auf der deutschen und niederländischen Seite vor allem um Steinkohle ging. Im heutigen Kelmis, früher in Neutral-Moresnet, liegt der Ursprung der modernen Zinkindustrie, denn dort lag das größte Zinkerzvorkommen Zentraleuropas – Hier ist Lokal-, Welt- und Industriegeschichte untrennbar miteinander verbunden. Das Museum Vieille Montagne in Kelmis informiert über die einzigartige Geschichte des Ortes.
In der angrenzenden Gemeinde Plombières wurden nicht nur Zinkerze, sondern auch Blei und sogar Silber gefördert. Auf der Site Minier können Sie auf einem Rundweg und im Bergbauhaus Maison du Site Minier die spannende Vergangenheit des Ortes und des lokalen Bergbaus entdecken.
Fun-Fact: Die Namen beider Gemeinden verweisen auf die örtlichen Bodenschätze: Der deutsche Name für Plombières lautet Bleyberg und im lokalen Dialekt heißen die Zinkerze „Kelms“, woraus sich Kelmis ableitet.
Der Name „Galmei“
Galmei ist ein Sammelbegriff für schwefelfreie Zinkerze. Galmei wurde bis 1805 zur Messingherstellung (Mischung aus Kupfer und Zink) verwendet und den „Dinandiers“ oder Kupferschlägern entlang der Maas nach Dinant, Bouvignes und Namur sowie nach Aachen und Stolberg geliefert. Seit dem 15. Jahrhundert wurde das Galmei aus der Euregio sogar bis nach Nürnberg, Schweden und Lothringen geliefert. Im 19. Jahrhundert konnte dann Zink aus dem Galmei gewonnen werden. Das Zink wurde zur Herstellung von Blechen, Dachrinnen, Badewannen, Eimer, Waschbretter oder Gesimse verwendet. Auf Grund seiner Vielseitigkeit kann man Zink auch als „Plastik des 19. Jahrhunderts“ bezeichnen.Welche Bedeutung die Vorkommen für die damalige industrielle Produktion hatten, kann man auch an der Etablierung des Zwergstaates Neutral-Moresnet ablesen.
Förderung seit dem 14. Jahrhundert
Die größten Förderstätten in der Grenzregion waren der Altenberg („Vieille Montagne“) und die Grube Schmalgraf in der Gemeinde Kelmis sowie die Grube Bleyberg im benachbarten Plombières. Abgebaut wurde am Altenberg mindestens ab 1344 bis zur vollständigen Erschöpfung der Lagerstätte 1884. Die Grube Schmalgraf lieferte von 1869 bis 1933 Zinkerze. In Plombières wurde von Mitte des 14. Jahrhunderts bis 1922 Bleibergbau betrieben.Seltene Galmeiflora
Sowohl in Kelmis (Am Casinoweiher, Naturschutzgebiet Altenberg) als auch in Plombières sind die ehemaligen Bergbauareale bis heute von der seltenen und empfindlichen Galmeiflora bewachsen. Diese Pflanzen sind Spezialisten für schwermetallhaltige Böden, denn im Laufe ihrer Evolution haben sie eine hohe Toleranz gegenüber Schwermetallen ausgebildet und können auf Böden wachsen, die für andere Pflanzen giftig sind. Aus diesem Grund ist das geografische Verbreitungsgebiet der Galmeiflora sehr beschränkt. Ein typischer Vertreter dieser Flora ist das Galmeiveilchen, das allein in der hiesigen Grenzregion in Gelb vorkommt. Zur Galmeiflora zählen auch das weißblühende Galmei-Täschelkraut, die rosablühende Galmei-Grasnelke und der Galmei-Schafschwingel, ein blaugrünes borstiges Gras.Bergbaugeschichte entdecken:
Pilgern & Kirchgänge
Unterwegs im Zeichen des Glaubens
In der Grenzregion finden sich zahlreiche Zeugnisse für die Entwicklung eines lebendigen Pilgerwesens.
Nach Aachen kamen die ersten Pilger schon zu Zeiten Karls des Großen. Im Mittelalter entwickelte sich die Heiligtumsfahrt zur wichtigsten Wallfahrt im deutschsprachigen Raum. Durch die Reformation ging die Bedeutung im 17. Jahrhundert zwar zurück, doch auch heute kommen zahlreiche Gläubige, um die Heiligtümer des nur alle sieben Jahre geöffneten Marienschreins zu sehen. Bei der Heiligtumsfahrt 2023 zog es 110.000 Pilger in den Aachener Dom.
In Aachen liegt am Preusweg außerdem der Startpunkt für den Moresneter Bittweg, eine acht Kilometer lange Strecke zum Marienwallfahrtsort Moresnet-Chapelle, der gleichzeitig eine Passage des Jakobsweges nach Santiago de Compostela ist.
Moresnet-Chapelle
Zum Ziel von Pilgerreisenden wurde Moresnet-Chapelle aufgrund einer Überlieferung, der zufolge 1747 hier ein Bauernjunge durch die Anbetung einer Marienstatue von Epilepsie geheilt wurde. Der damals sechs Jahre alte Peter Arnold Frank hatte zuvor bereits die Aachener Heiligtumsfahrt absolviert, allerdings hatte die Berührung der dortigen Reliquien seine Krankheit nicht gelindert. 1823 wurde erstmals eine Kapelle am Ort der Heilung gebaut. Einige Jahre später wurde die erste Wallfahrt aus Aachen organisiert. Seitdem begeben sich jeden Mittwochmorgen Pilger entlang vieler Wegekreuze nach Moresnet-Chapelle. 1830 folgte schließlich die erste kirchlich organisierte Wallfahrt und durch die Weihe der Kapelle die endgültige kirchliche Anerkennung als Wallfahrtsort. Einige Jahre später wurde von Mönchen neben der Kapelle ein Kreuzweg (Kalvarienberg) mit 14 Stationen angelegt – eine der schönsten Anlagen dieser Art in Europa. Die heutige Wallfahrtskirche steht an der Stelle, an der sich im 18. Jahrhundert die Marienstatue befand.Jakobswege
Der Bittweg von Aachen nach Moresnet-Chapelle ist auch Teil des Jakobswegs. Die Passagen des Jakobsweges zwischen Rhein und Maas führen in zehn Etappen von Millingen aan de Rijn (NL) an der Niers vorbei nach Kevelaer und weiter nach Venlo. Dann verläuft die Route entlang der Maas über Roermond nach Maastricht. Etappen von Aachen über Gulpen nach Maastricht oder Meersen stellen die Verbindung zum Jakobsweg von Wuppertal über Köln und Düren her. In Aachen beginnt die "Niederstraße", die über Paris nach Tours und weiter in die Pyrenäen führt.Moresneter Bittweg und Jakobsweg entdecken:
Geusenweg
Wer den Gedanken Luthers folgt, hat es im 17. und 18. Jahrhundert nicht leicht. In der von Katholiken geprägten Grenzregion sind Protestanten einer ständigen Unterdrückung ausgesetzt. Kein Wunder, steht doch das gesamte Gebiet unter dem Einfluss der spanischen – und damit streng katholischen – Krone. Adlige und hochrangige Bürger reichen Bittschriften ein, um Religionsfreiheit zu erreichen. Doch von nun an müssen sich Protestanten auch noch als Geusen (frz. „gueux“ = Bettler) beschimpfen lassen.Schließlich befreien sich die Niederländer nach dem Achtzigjährigen Krieg von der spanischen Herrschaft (1568 – 1648). In ihrem Territorium ist protestantischen Glaubensgemeinschaften die freie Religionsausübung erlaubt. Vaals wird zum Refugium im katholisch regierten Umfeld und jeden Sonntag kommen protestantische Gläubige bis aus Aachen, Burtscheid und Eupen zum Gottesdienst. 1750 hat das Dörfchen Vaals zwar nur zwölf Häuser und überwiegend katholische Einwohner, aber vier protestantische Kirchen.
Auf dem Geusenweg lässt sich der Kirchweg, den die französisch-wallonische Gemeinde aus Eupen auf sich nahm, nachempfinden. Vier Stunden ging es über den versteckten, unwirtlichen Pfad über Kelmis durch den Preusswald zur „Franse keresch“ in Vaals.
Geusenweg entdecken:
- GrenzRoute 1
- GrenzRoute 4
- Knotenpunkte: B: 86 (B) – D: 39 – 29 – 12
Westwall
Integrierter Störenfried
Früher abschreckendes Bauwerk – heute Heimat für bedrohte Tiere und Pflanzen
Der Westwall ist ein Relikt der nationalsozialistischen Kriegspolitik, das in der Aachener Region an vielen Orten als Landschaftsmarke erhalten ist. Er bestand aus einem System von Panzersperren, Stollen, Gräben und befestigten Kampfbunkern. Errichtet wurde der Westwall zwischen Kleve und Weil am Rhein über ca. 630 Kilometer – mit insgesamt 18.000 Bunkern und Stollen. Obwohl er von Hitlers Gefolgsleuten als größtes Befestigungswerk aller Zeiten gepriesen wurde, hat der Wall für die Kämpfe am Ende des Zweiten Weltkrieges keine große Bedeutung gehabt.Die Höckerlinie entstand vorrangig in den Jahren 1938/39. Sie umfasste eine kleine Betonmauer mit Stacheldraht auf der Vorderseite und die Höcker selbst. Die Eisenbetonhindernisse wurden der Topographie der Landschaft angepasst und sollten vorrückende Fahrzeuge und Panzer aufhalten. Für einen Kilometer Höcker wurden 104 Tonnen Eisen und 2000 Kubikmeter Beton benötigt.
In der Aachener Region entstand die Anlage parallel zur Grenze nach Belgien und zu den Niederlanden. Die meisten Bunker wurden nach Kriegsende gesprengt. Die Höcker sind noch zu fast 90 Prozent erhalten. Sie stehen unter Denkmalschutz und wurden mit der Zeit zu einem Rückzugsort für viele seltene Pflanzen und Tiere wurden.
Westwall entdecken:
Schmuggel
Schießbefehl für den Zoll
In der Grenzregion schmuggelte fast jeder – aus Not oder wegen der hohen Gewinne
Schmuggel ist in Grenzregionen, wenn die Preisunterschiede zwischen bestimmten Waren entsprechend groß sind, ein alltägliches Phänomen. Nicht anders im Raum Aachen, wo bereits vor dem Ersten Weltkrieg dieser illegale Warentransport blühte. Bereits damals sollen Menschen davon gelebt haben, als regelmäßige „Grenzgänger“ in Vaals größere Mengen Kaffee günstig einzukaufen und diesen dann in Aachen mit Gewinn weiter zu veräußern.In der allgemeinen Notsituation nach dem Ersten Weltkrieg intensivierte sich der Schmuggel, es wurden nun auch verstärkt Lebensmittel für den täglichen Bedarf illegal über die Grenzen gebracht. Mit der Zeit etablierte sich ein geradezu professioneller Schmuggel. Die Waren wurden bis weit ins Deutsche Reich hinein verkauft und Aachen war weithin als „Loch im Westen“ bekannt.
Neue Dimensionen nahm der Schmuggel in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg an. Um ihre Lebenssituation zu verbessern, schmuggelten Menschen jeden Alters Waren über die belgische und niederländische Grenze nach Deutschland. Im Mai 1945 wurden die Grenzübergänge geschlossen, die britische Besatzungsmacht setzte eine deutsche Zollverwaltung ein, der später sogar ein Schießbefehl erteilt wurde. So fanden in der Tat einige Schmuggler an der Grenze den Tod.
Drahtverhaue an den Grenzen
Beliebte Schmuggelwaren waren vor allem Kaffee, Tee, Butter, Kakao und Zigaretten. Ihre Aus- und Einfuhr war beschränkt, und jeder Besuch jenseits der Grenze wurde durch einen Stempel im Pass dokumentiert. Damit niemand abseits der offiziellen Übergänge mit Waren die Grenze überschritt, war diese weithin mit Drahtsperren versehen.Bis zur Währungsreform am 20. Juni 1948 galt noch die Reichsmark. Ein Kilo Kaffee kostete bis zu 1.500 Reichsmark, ein Pfund Butter 600 und eine amerikanische Zigarette immerhin acht Reichsmark. Vergegenwärtigt man sich, dass ein deutscher Zollbeamter seinerzeit 180 Reichsmark pro Monat verdiente, wird deutlich, wie lukrativ der Schmuggel sein konnte.
Farn als „Schmugglerkraut“
Im Aachener Wald nutzten die Schmuggler, sobald Zollbeamte in Sicht kamen, den dichten Farnbewuchs gerne zur Tarnung für die Waren und für sich selbst. Farn wird daher auch heute noch als „Schmugglerkraut“ bezeichnet. Die Eisenbahnstrecke von Aachen nach Montzen, und vor allem der Tunnel auf der Strecke wurden vielfach als Schmugglerroute genutzt; ebenso der Moresneter Bittweg durch den Preuswald, auf dem sich die Schmuggler häufig unter die Pilger mischten.Schmugglerpfade entdecken:
Historisches Vaals
Auf den Spuren Clermonts
Wie ein erfolgreicher Aachener Textilfabrikant Vaals zu seiner Heimat machte
Das Gebiet um Vaals war bereits lange vor unserer Zeitrechnung und auch in der römischen Epoche besiedelt, seine heutige Gestalt erhielt der Ort jedoch maßgeblich durch die Aktivitäten eines Mannes: Johann Arnold von Clermont (1728-1795). Der Sohn eines Aachener Tuchmachers verlegte die Produktion seines Familienunternehmens 1761 in den Nachbarort, nachdem die Gesetze des kaiserstädtischen Zunftwesens eine Ausweitung der Fabrikation verhindert hatten. In Vaals wurden seinerzeit Protestanten gern aufgenommen, etliche Aachener Glaubensbrüder Clermonts siedelten ebenfalls in den holländischen Teil des Herzogtums Limburg über, da sie sich im katholischen Aachen Benachteiligungen ausgesetzt sahen.Clermont hat in Vaals Spuren hinterlassen
Am Clermontplatz im Ortszentrum ließ er sich von dem Aachener Baumeister Moretti ein Stadtpalais mit Tuchfabrik erbauen. Heute residiert hier die Gemeindeverwaltung von Vaals.Ebenfalls von Clermont initiiert war der Bau einer großen öffentlichen Wasseranlage, die zum Kanalsystem des Baches „Gau“ gehörte: Das weiche Quellwasser eignete sich mit seiner konstanten Temperatur von 10 Grad Celsius ideal zum Spülen und Färben von Stoffen.
Am Clermontplatz befindet sich auch die ehemalige evangelisch-lutherische Kirche, die von reichen Aachener Protestanten 1737 errichtet wurde. Der oktogonale Bau bietet heute dem Museum "Kopermolen" Raum für Wechselausstellungen und Konzerte.
Frühklassizistische Pracht
Auch das prächtige frühklassizistische Bauwerk von Kasteel Bloemendaal geht auf Arnold von Clermont zurück. 1791, im Alter von 63 Jahren, wollte sich der Fabrikant seinen Lebenstraum erfüllen und ließ gegenüber seiner neuen Weberei den Grundstein eines fürstlichen Landsitzes legen. Später wurde das Haus zum Kloster und zum klösterlichen Internat, während des Zweiten Weltkriegs nutzten es die deutschen Besatzer als Lazarett. 1990 fiel der Beschluss, das leerstehende und von Verfall bedrohte Baudenkmal zu einem luxuriösen Schlosshotel umzubauen.Vaalsbroek: „Eines der schönsten Dörfer“
Clermont erwarb auch den baufälligen Adelssitz Vaalsbroek und baute die Reste des Gebäudes schrittweise zu seinem Landsitz mit Wohnhaus, Bürotrakt, Fabrikationsanlage und Landschaftspark um. Über das weitere Wirken Clermonts schrieb der Vaalser Kaplan Adolph Vaessen, der Tuchfabrikant habe „diesen Ort mit so manchen anderen Gebäuden und Wohnhäusern verschönert, dass derselbe vorzüglich dadurch aus einem vormals sumpfigen mit schlechten Hütten besetzten Dorfe eines der schönsten Dörfer der dortigen Gegend wurde.“ Heute befindet sich in dem Gebäude ein luxuriöses Landhotel.Tipp: Der markierte Rundgang „Historische Stadswandeling“ durch das historische Vaals bietet auf kleinen Tafeln in Niederländisch Informationen an ausgesuchten Gebäuden.
Vaals entdecken:
